Literatur · Einträge I

Leseprobe

Zutrauen

Zutrauen zur Welt - auf was beruht es? Wenn nicht ein Misstrauen da ist, eine grundlegende Skepsis, leben wir doch in einem Zutrauen zur Welt, zur Existenz, zum Gegebenen. Zutrauen ist uns angeboren. Skepsis ist erworben. Durch traumatische Erfahrung vielleicht, durch Enttäuschung des Vertrauens.

Oder trifft dies nur auf uns arglose Zöglinge einer menschlichen Fürsorgegemeinschaft zu, die durch Kontakt und sozialen Austausch zur Person heranwachsen? Schaut man auf ein Küken, welches durch eine verdächtige Silhouette am Himmel gewarnt, instinktiv in ein schützendes Versteck flüchtet, ohne Vorerfahrung mit Raubvögeln gehabt zu haben, dann sieht das dann doch wieder anders aus.

Jedenfalls, in unserer menschlichen Biografie fangen wir mit Zutrauen an. Zu unseren Eltern, zum gewohnten Rhythmus von Wachen und Schlafen (die Welt wird noch immer existieren, wenn ich wieder aufwache), zum Sinn der Worte, die wir zu sprechen lernen - zu allem, was wir uns aneignen, uns zu eigen machen. Ohne das Zutrauen würden wir es nicht lernen, würden wir es uns nicht zu eigen machen. Und was wären wir dann?

Zweifel

Der Zweifel kommt später. Das Misstrauen. Ist das wirklich wahr? Bist du mir wirklich gut? Kann ich meinen Sinnen trauen? Sind das nicht Fake News? Auf eine nicht naive Art Zutrauen in das Universum zu haben, auf einen Sinn im Leben, auf die Möglichkeit von Erkenntnis - das setzt einiges an Entwicklung voraus, an Auseinandersetzung, an Reifung durch Überwindung von Anfechtungen. Und setzt die Verarbeitung der tiefen Kränkung voraus, die uns das Leben - durch den Bruch des scheinbaren Versprechens, dass unser Zutrauen zu ihm immer belohnt werden wird - unausweichlich zufügt.

Schmetterlingsfrei

Rückzug ins Abseits, um der Freiheit willen - das scheint eine merkwürdige Strategie zu sein. Aber sie funktioniert, wenigstens bei Menschen wie mir - eine Zeitlang zumindest. Frei und unbehelligt sich selbst entfalten zu können - einem sich entpuppenden Schmetterling ähnlich - ist ein selbsttragendes Gefühl, weitend und klärend. Doch irgendwann gerät das Ganze ins Stocken. Die Wärme fehlt.

Der Schmetterling hat die Sonne, hat sein Programm in sich. Ich bin kein Schmetterling. Mein Wärmequell ist ein anderer Mensch. Dieser lockt hervor, was keine Programmierung leistet. Der Schmetterling in mir entwickelt sich durch Angesprochen werden, durch Berührung, durch freundliche Augen. Durch den Tanz aller miteinander. Und schwebe ich eines Tages für jeden sichtbar mit meinen frei entfalteten Flügeln im Blickfeld der anderen, waren sie es, denen ich diese Gabe verdanke. Warum aber dann das Bedürfnis nach Abgrenzung von ihnen? Ich denke, es liegt daran, dass ich mir selbst bewusst sein will. Ich möchte nicht nur fliegen, sondern auch wissen, dass ich fliege. Somit sind wir wieder bei dem Wunsch nach Rückzug in das Getrennt sein angekommen. Dem Wunsch nach Frei sein. Auf mich selbst bezogen, fühle, erkenne ich mich selbst. Dem Sog der anderen entkommen. So wechsle ich hin und her, im Faltertanz flatternd.

Bäumeversteher

Ich bin ziemlich unerfahren im Bäumeverstehen. Das merke ich, betrachte ich bewundernd einen Baum vor mir. Wie ihm zu verstehen geben, dass ich seinen Wuchs, seine emporstrebende Lebenskraft, das Sprießen der jungen Blattspitzen, seine überreiche Blütenpracht und das strahlende Weiß seiner Blütenblätter hingerissen in mich aufnehme, er mir etwas gibt, was ich gerne dankbar erwidern möchte? Mit einem Kompliment an ihn vielleicht, mit dem Ausdruck meiner Bewunderung, mit einem Zeichen der Verbundenheit und Zuwendung - doch wie ihn erreichen, wie ihn ansprechen? Abgesehen davon, dass ich im Allgemeinen schon nicht sehr gut im Komplimente machen bin, kein guter Menschenversteher oder gar Frauenversteher bin, wie kann man sich an ein pflanzliches Wesen wenden? Ich verstehe zu wenig von Bäumen, um den Zugang zu ihnen zu kennen. Schade. Ich hätte mich gerne näher mit ihm unterhalten, auf eine Art, die nicht einseitig ist. Dazu müsste ich aber wohl ein etwas anderes Bewusstsein haben, mit anderen, erweiterten Mitteln des Austausches und der Verbindung. Ein weiter Weg dahin...

Uranfang. Bewusstsein

Im Uranfang war alles enthalten. Ist alles enthalten. Den der Uranfang gründet im Jenseits der Zeit, ist also immer noch Gegenwart (ebenso wie Vergangenheit und Zukunft). Was verwirren könnte.

Potenziell war im Uranfang alles enthalten. Der Möglichkeit nach. Denn, wenn nicht, gäbe es dasjenige nicht, was später als Realisiertes auftreten konnte. Die Bedingung für die Existenz von jedwedem was ist muss schon von Anfang an da gewesen sein. Die Bedingung der Bedingung der Bedingung… Denn selbstverständlich entsteht alles in der Natur evolutionär, entwickelt sich nacheinander, auseinander, aufeinander aufbauend.

So kann man zum Beispiel feststellen, dass es heute Lebewesen gibt, die über eine dafür geeignete biologische Ausstattung verfügen, um Bewusstsein zu haben. Menschen. Diese Wesen gab es noch nicht im Kambrium. Aber gab es deswegen im Kambrium kein Bewusstsein? Menschliches, so wie heute, gewiss nicht. Aber der Potenzialität nach: Es gab Lebewesen, welche die Möglichkeit in sich trugen, dass sich das Leben in Richtung Landtiere, Warmblütler, Säugetiere, Hominiden etc. entwickeln konnte. Potenzielles Bewusstsein, auf organischer Basis. Was allein noch nicht sicher macht, dass sich die Entwicklung nur so, nicht auch ganz anders hätte abspielen können. Bewusstsein wäre dennoch möglich gewesen, weil im Urbeginn schon potenziell mitenthalten.

Und daher wird es wahrscheinlich auch Planeten geben, auf denen sich Leben entwickelt hat (auch etwas, was der Möglichkeit nach schon im angenommenen "Big Bang" mitenthalten sein musste), welches Bewusstseinsfähig ist, einfach deswegen, weil die Existenz von Bewusstsein zum Ganzen des Universums gehört. Wofür wir Menschen der Beweis sind.

Sich herantasten

Um sich an eine Erkenntnis heranzutasten: Ich gehe von einer mir bekannten, mir zugänglichen Situation aus. Diese ist nicht bedingungslos, sie ist bedingt. Dann wechsle ich (hypothetisch) zu einer vorherigen Situation - einem Zustand, einer Gegebenheit, einem irgendwie Vorstellbaren - die meinen jetzigen Zustand bedingt. Damit nehme ich an, dass die Bedingungen für meinen gegenwärtigen Zustand in dieser anderen Situation enthalten, also von ihr abhängig sind. Jetzt setze ich diesen zweiten - aber eigentlich, der Rangfolge nach, ersten - Zustand oder diese Seinsweise oder Ursache als unbedingt an. Von keiner vorangegangenen, darüberstehenden Ursache abhängig. Das wäre dann, notwendigerweise, durchgehend durch alle aufeinanderfolgenden Abhängigkeiten, die zeitlich früheste Ursache. Der Ursprung von allem. DER Ursprung. Und in ihm wäre mein eigener Zustand, die Art und Weise meines Existierens, potenziell enthalten gewesen. Ansonsten gäbe es diesen Zustand nicht, gäbe es mich selbst nicht.

Nun wäre die Aufgabe, herauszufinden, wie ich von diesem Uranfang her zu mir selbst komme, zu dem Zustand, der Situation, in der ich mich vorfinde. Die ich erfahre. Welche gedanklich gangbare Leiter führt von mir zu dem anfänglichen Zustand, führt von dort zu mir, welche Stufen, welche Stationen gibt es dabei?

Ich bleibe im Bild und konkretisiere: Ich finde mich im Zustand eines sich seiner selbst bewussten Existierenden vor. Ich existiere und bin mir dessen bewusst. Ich existiere als Bewusstsein. Bewusstsein von mir selbst und auch von anderem, was ich als nicht ich selbst bezeichne. Und folgere, dass ich der Möglichkeit nach in einem uranfänglichen Sein - selbst unbedingt, da ohne Voraussetzung - potenziell vorhanden gewesen sein muss. Da ich bedingt bin, was ich nicht abstreiten kann, und mein Bedingt sein letztendlich bis zu einem uranfänglich Unbedingten zurückgeführt werden könnte.

Kann dieses Uranfängliche, welches die Bedingungen für mich als eines sich seiner selbst bewussten Wesens enthält, als etwas rein Materielles oder meinetwegen rein Energetisches gedacht werden? Führt der Weg also von der Energie des Anfangs über die verdichtete Materie, das Leben, über Empfindung und Bewegung zum bewussten Sein, welches ich verkörpere? Oder ist es nicht eher so, da denkmäßiger, dass das Bewusstsein, das auch ich verkörpere, nicht nur der Möglichkeit nach, sondern real schon im Uranfang vorhanden gewesen sein muss? Im Urbeginne war das Wort… Dass der Urbeginn also ein Urbewusstsein war, aus welchem alles geworden ist… Ein Urselbst, aus dem mein eigenes Selbst stammt?

Und nun ein Herantasten an den nächsten Gedankenschritt: Auf welchem Weg bin ich der geworden, als der ich mich erfahre? Was ist die Geschichte der Welt - des Kosmos, des Alls - die zu mir geführt hat? Die Leiter, die ich (?) herabgestiegen bin? Kann ich sie gedanklich wieder hinaufsteigen? Das Narrativ der Naturalismus befriedigt mich dabei nicht. Kann ich aber für mich eine Erzählung finden, die mich als geistiges Wesen mit dem geistigen Wesen des Urbeginnes verbindet? Über welche Glieder, Ausfächerungen, Differenzierungen, Stufen und Ebenen berichtet diese Erzählung, wie beschreibt sie den Weg vom Urbeginn in die Gegenwart? Das Problem, dem sich jede solche mythopoetische Erzählung stellen muss, ist ja die Kardinalfrage: Wie kommt aus einer uranfänglichen Einheit (als die der Beginn gedacht wird) die Vielheit zustande, die Vielfalt, in der wir leben? Damit möchte ich mich näher beschäftigen - ich habe mir bisher noch kein richtiges Bild davon gemacht.

Bewusstsein von unten?

Worüber heute ernsthaft debattiert wird, ist das Konzept eines wieder auferstandenen Panpsychismus. Die große, weiterhin ungelöste Frage steht nämlich im Raum: Wie beziehen sich materielle Welt und das Bewusstsein darüber (unser eigenes) aufeinander? Wie genau ist ihr Verhältnis? Ist Bewusstsein ein Produkt des organischen Materials (als Nerven ausgestaltet), wenn sich die Materie nur komplex genug organisiert? In selbstbezüglichen elektrischen Vorgängen Erregungsschleifen produziert, welche dann zum Ergebnis führen, dass die Materie sich selbst erkennend anschaut? Ins Bewusstsein gehoben?

Für den materialistischen Ansatz ist eigentlich das Bewusstsein ein ärgerlicher Faktor: Ohne es gäbe es zwar diese ganze Frage nicht (keine Wissenschaft wäre ja, keine Wissenschaftler auch, vom Rest der Menschheit ganz zu schweigen) aber es selbst sperrt sich gegen den wissenschaftlichen Zugang, wie er von diesem gesucht wird. Denn die materiellen Bausteine lassen sich von außen in Gänze so schön beschreiben und erklären - Form, chemische Zusammensetzung, Ablauf, Funktion, Leistung - nur eben der Sprung ins Empfinden, ins Erleben, ins Bewusstsein nicht wirklich überzeugend ableiten. So stört dieser letzte Rest des nicht Erklärbaren. Es bleibt die Frage: Und was macht Bewusstsein nun eigentlich aus?

Wie ärgerlich.

Wie also kommt Bewusstsein zustande, dieses „Gespenst in der Maschine“, wie es einmal genannt wurde, was ist der Trick dabei? Eine theoretische Überlegung, die diese Frage in den Blick nimmt, ist der Panpsychismus. Er sagt, Bewusstsein entsteht nicht irgendwann und irgendwie auf dem Weg vom Urknall zu uns als bewusste Lebewesen, Bewusstsein war als Eigenschaft schon von Anfang an in den ersten Bausteinen des Universums mitenthalten. Diese haben nicht nur einen Spin und eine Masse (oder was auch immer als Grundlegend für energetisch-materielle Existenz angesehen wird), sondern auch eine Eigenschaft, die als „bewusstes Sein“ beschrieben werden kann. Und jedes Existierende trägt diese Eigenschaft in sich. Ein Stern ebenso wie ein Stein oder ein Küchenmesser, um Beispiele zu geben. Und selbstverständlich auch wir, die Menschen. Bei denen es die Besonderheit gibt, dass die Materie in deren Gehirn eine solche Komplexität angenommen hat, dass die Vielzahl der einzelnen Bewusstseinslichtlein in diesem gemeinsam aufstrahlen und zusammen ein ganzheitlich bewusstes Bewusstsein annehmen können. Was natürlich in einem Stein nicht möglich ist.

Panpsychismus beantwortet also die Frage „Wie kann Bewusstsein aus Materie entstehen?“ dadurch, dass die Entstehung von Bewusstsein in den Uranfang selbst gelegt wird: Und warum dieser war und was die anderen Eigenschaften der materiellen Bausteine begründet, muss als letztlich nicht hinterfragbar akzeptiert werden. Als Faktum. Ebenso wie die nach dem Bewusstsein. Es ist eben. Und dass von Anfang an.

Vom Ganzen her?

Eine andere Antwort auf die Frage nach der Entstehung von Bewusstsein im Universum legt dieses nicht in die kleinsten Teile der energetisch-materiellen Welt, sondern geht vom Ganzen aus: Bewusstsein kommt im Universum vor, da es integraler Bestandteil des Universums ist. Ist eine Eigenschaft von diesem. Eine Eigenschaft des Ganzen, der Ganzheit.

Bewusstsein wird dabei genauso als Faktum vorausgesetzt, wie in der Theorie von der Bewusstseinsträgerschaft von kleinsten Bauteilen des Universums, ist also erstmals unerklärtes Gegebenes, hat aber gegenüber dem Panpsychismus den Vorteil, dass der Schritt vom Ganzen (dem Universum) zum Einzelnen (unserem Einzelbewusstsein beispielsweise) logischer nachvollziehbar ist, als umgekehrt der Schritt vom Einzelnen (den Elementarteilchen) zum Ganzen (unserem Bewusstsein beispielsweise). Wie sollte aus einer Vielzahl von Einzelelementen ein durchgängig orchestriertes und als einheitlich erlebtes Ganzes entstehen? Die Gestalttheorie hatte dazu einiges zu sagen, unter anderem ausgedrückt in dem Satz: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“

Das Universum dagegen, als Holon aufgefasst, kann sich in jedem seiner Einzelteile spiegeln und präsentieren, ihm die Eigenschaft der potenziellen Bewusstwerdung mitgeben, die dann unter bestimmten Umständen (im Aufbau unseres Gehirns beispielsweise) zur Erscheinung kommen kann.

Diese Art, über das materielle Universum zu nachzudenken, steht in Nachbarschaft zu den Philosophien, die von einer Weltseele sprachen – Schelling zum Gedenken.

Bewusste Existenz (Schellings Echo)

In mir schlägt die Welt ihre Augen auf und sagt:

„Siehe, ich bin“.

Sternenstaub ist bewusst geworden (Carl Sagan). Von der anderen Seite aus gesehen: Bewusstsein ist zu Stern geworden, Stern zu mir…


Ende Leseprobe