Der Gedichtband „Wege. Gedichte“ stellt sich wie eine feinfühlige Landkarte durch die Facetten der menschlichen Existenz dar. Aufgeteilt in die fünf großen Themenbereiche Natur, Mensch, Selbst, Nachdenkliches und Im Du spüren die Texte den unscheinbaren Momenten des Alltags ebenso nach wie den existenziellen Fragen nach Zeit, Identität, Gott und der verbindenden Kraft der Liebe.
Im ersten Kapitel, Natur, lädt der Band dazu ein, innezuhalten und die Augen für das Unscheinbare zu öffnen. Gedichte wie „Öffne die Augen“ lenken den Blick auf das feine Mücken-, Blätter- oder Wolkenspiel sowie auf den gekrümelten Wegrand – eine Hommage an die „Deutlichkeit der unscheinbaren Dinge, sich selbst genug“. Die Natur ist hier kein bloßer Hintergrund, sondern ein lebendiges Gegenüber. In „Vor einem Baum“ wird der Baum als ein Wesen begriffen, das aus Luft und Licht gewoben und fest in der Erde verwurzelt ist, wodurch es das eigene Sinnen belebt. Mit ruhigem, fast meditativem Tempo fangen Gedichte wie „Slowmotion“ oder „Oktober“ das Vergehen der Zeit ein: Ein welkes Blatt treibt im spröden Zerfall über den Asphalt - das Sinken des Tages am nachtblauen Horizont hüllt die Welt sanft ins Schweigen.
Der Übergang zum Thema Mensch verschiebt den Fokus auf die existenzielle Suche nach dem eigenen Ich. In „Hypothese“ begreift sich das lyrische Ich als eine „geworfene Hypothese in die Zeit“, die stets durchlässig für neue Formulierungen bleibt. Der Mensch versteht sich in „Antwort“ als ein Echo des All-Einen, gesprochen im gegenwärtigen Augenblick aus den Fäden von Vergangenheit und Zukunft. Doch diese Existenz ist gebannt in das „blinde Netz der Zeit“, welches die Sehnsucht nach dem Morgen und dem Vergangenen gleichermaßen umschließt. Trotz des wiederkehrenden Motivs des Abgrunds, des Zerbrechens von Formen und der Klage über eine „dürftige Zeit“ voller Illusionen, zeigt sich in Gedichten wie „Welcher Gott?“ deutlich die Sehnsucht nach einem namenlosen, befreienden Gott der Weite.
Unter dem Leitmotiv Selbst vertieft sich diese Suche zu einer schmerzhaften, aber auch heilsamen Innenschau. Das Ich leidet unter der Entfremdung („In der Fremde“) und dem Verlust der Erinnerung an die eigene Essenz. Doch die Gedichte zeigen auch Wege der Erlösung auf: Das bewusste Zulassen des Abgrunds im Loslassen führt nicht zur Auflösung, sondern zum Schweben. In „quellgrund“ wird ein verborgener Tränengrund beschrieben, dessen Opferwasser sich in Lebenswasser wandeln soll. Die Bitte an einen behütenden Engel und das Erkennen des eigenen, unvergänglichen Wertes – symbolisiert durch das schmelzende, reine „Gold“ in uns – weisen den Pfad zur Selbstannahme. Selbst wenn das Herz versteinert ist, bricht das Licht, wie eine Paraphrase an Leonard Cohen erinnert, gerade durch die Risse einer steinernen Brust herein.
Die Sektion Nachdenkliches wirft einen reflektierten Blick auf das Altern, das Schaffen und das Wesen der Kunst. Das unbeschwerte „Staunen“, das dem Kind einst Heimat war, bleibt dem alternden Menschen als „wissendes Schauen“ erhalten. Das Gelingen im Leben wird demütig als geschenkter Fund vom „Anderen“ verstanden, während das Misslingen die eigenen Grenzen aufzeigt und durch Arbeit Schritt für Schritt überwunden werden muss. Das Schreiben selbst wird in „Erinnerungsarbeit“ als ein mühsames Meißeln von Worten aus dem Fels der erstarrten Erinnerung beschrieben, um das „Ungeheuer Zeit“ zu bändigen. Sprache ist hier ein feines Gewebe: In „Netze. Dinge“ fangen Worte das Nichts ein und erfüllen die Leere mit Licht, Baum und Meer.
Zuletzt feiert das Kapitel Im Du die Liebe als die ultimative Zuflucht und Überwindung der Einsamkeit. Das Du erweist sich als Retter aus der inneren Wüste. Die Liebenden begegnen sich als Spiegel, Seelentröster und Wegfinder im Labyrinth des Lebens. In Gedichten wie „Bei dir“ oder „Der Mond, sagt man“ wird die tiefe Intimität spürbar, wenn die schlafende Geliebte im Schattenlicht des Mondes zur ewig gegenwärtigen Göttin wird. Hier verliert die Zeit ihre Macht: Ist das Ich beim Du, existiert keine Zeit mehr, denn der gemeinsame Augenblick umfasst alles. So schließt der Band mit der universellen Erkenntnis, dass Schönheit im träumenden Gesicht des geliebten Menschen wohnt: