Triptychon ist als dreigeteiltes Gesamtkonzept angelegt und wurde vorübergehend pausiert, als zu anspruchsvoll in der Komposition, um schließlich doch in seiner ursprünglichen Gestalt ausgeführt zu werden. Zwischenzeitlich wurden aber alle drei Teile als selbständige Erzählungen veröffentlicht, als „Alchemist: Erzählung einer Pilgerschaft“, und in „Erzählen“.
Das Werk verwebt antike Gnosis, alchemistische Transformation, moderne Entfremdung und spekulative Geschichtswissenschaft in einer parallel sich entfaltenden Gesamtstruktur miteinander. Wie der Titel bereits andeutet, ist das Buch formal als Triptychon konzipiert: Es besteht aus drei ineinander verschränkten Erzählsträngen, deren Kapitel im Buch kontinuierlich alternieren, sich jedoch beim separaten Lesen jeweils zu einer völlig eigenständigen, fortlaufenden Erzählung zusammenfügen. Diese drei Erzählstränge heißen „Helena“ (im Jetzt), „Alchemist“ (im Damals), und „Anderswelt“ (in Nirgendwo). Triptychon verbindet so eine vielschichtige Gegenwartsgeschichte, ein dramatisches historisches Epochenbild und ein spekulatives Multiversum-Szenario zu einer komplexen Reflexion über die menschliche Existenz, den unauflösbaren Schmerz des Daseins und die unendliche Sehnsucht nach einer wahren geistigen Heimat.
Der erste Erzählstrang, „Helena“, spielt im „Jetzt“ und konzentriert sich auf ein loftähnlich renoviertes, schmutzigbraunrotes Ziegelgebäude im städtischen Hafengelände, das der Erzähler nach seinem wirtschaftlichen Ruin als einziges Eigentum gerettet hat. Hier kreuzen sich die Lebenswege dreier Personen: des namenlosen Erzählers (eines gescheiterten Finanzmaklers), eines eigenwilligen Malers und der charismatischen Ellen. Ellen arbeitet als exklusive Kurtisane und versteht ihre extremen sexuellen Grenzerfahrungen als bewussten Erkenntnisweg. Sie steht jedoch unter dem Einfluss eines ausbeuterischen „Gurus“, der schließlich ihr Konto plündert und spurlos verschwindet. Der Maler wiederum teilt mit dem Erzähler tiefe gnostische Einsichten über die Spaltung von innerer Essenz und äußerer Persönlichkeit. Die fragile Beziehung implodiert jäh, als der Maler als internationaler Kunstfälscher entlarvt wird und verschwindet. Ellen verlässt das Haus, um dem Guru für einen Neuanfang zu folgen. Völlig allein gelassen beginnt der Erzähler seinen Verlust zu verarbeiten, indem er den Lebensweg eines „Alchemisten“ als Roman niederschreibt und darin viel von sich und Ellen, sowie der Sicht des Malers auf das Leben einbringt.
Der zweite Strang, „Alchemist“, führt zurück ins „Damals“ des frühen 16. Jahrhunderts. Er schildert die tragische Suchfahrt eines Arztes und Naturphilosophen aus Beaune in Burgund. Von gnostischer Wissbegierde getrieben, vernachlässigt er seine Frau Suzanne und sein neugeborenes Kind. Als nach einem schweren Unwetter Gerüchte über magische Umtriebe laut werden, verhaftet der königliche Hexenkommissar Suzanne. Sie erdrosselt im Gefängnis ihr eigenes Kind, um es vor dem Scheiterhaufen zu bewahren, und erliegt kurz darauf selbst dem Feuertod. Geplagt von Schuldgefühlen flieht der Alchemist nach Süden. Auf seiner Flucht begegnet er dem Einsiedler Gutmann, der ihm offenbart, dass die materielle Welt nicht von einem gütigen Gott, sondern von einem unbarmherzigen Schöpfer (Abraxas) als fehlerhaftes Gefängnis erschaffen wurde. Nach einer weiteren Episode auf einer Burg in Piemont zieht es ihn weiter nach Venedig. Dort wird er der Spionage verdächtigt und verschwindet für einige Zeit hinter Kerkermauern. Völlig entkräftigt und krank entlassen, findet der Alchemist Zuflucht im Hospital von Mutter Zuana und später im Palazzo der gebildeten Kurtisane Elena. Doch auch dieses Lebenskapitel endet tragisch. Seine Reise führt ihn weiter nach Harran im Osmanischen Reich, wo er statt der Herstellung des materiellen Goldes die innere, kontemplative „Alchimia der Seele“ bei einem jungen Sufi-Sheikh erlernt, welcher ihm den mystischen Aufstieg der Seele durch die Planetensphären weist.
Der dritte Erzählstrang, „Anderswelt“, entwirft in „Nirgendwo“ eine spekulative Alternativwelt. Ein namenloser Mann bemerkt irritierende Veränderungen in seiner Umgebung: Gebäude, Denkmäler und erinnerte Orte verwandeln sich ständig. Er stößt auf eine mysteriöse Organisation unter der Führung eines Mannes namens Rotta. Diese Gnosisfanatiker nutzen eine Technologie – den „Sheldrake-Analogisierer“ – um die geschichtliche Realität und das kollektive Gedächtnis rückwirkend zu manipulieren. Ihr Ziel ist es, durch die gezielte Erhöhung des gesellschaftlichen Leidens (durch Kriege und Umweltzerstörung) die Menschen aus ihrem „bequemen Automatenschlaf“ zu reißen, damit sie sich wieder an ihre „Lichtheimat“ erinnern und den Ausbruch aus dem materiellen Exil in ihr eigentliches Sein wagen. Mit den Verlust aller bisherigen Bezugspunkte seines Lebens konfrontiert, driftet der Protagonist isoliert durch die instabilen Realitäten, zusätzlich gepeinigt von der schmerzhaften Erinnerung an seinen Bruder, der sich einst erhängte, und dem er nicht helfen konnte. Er muss lernen, sich wie ein Schwimmer im chaotischen Multiversum der Möglichkeiten zu bewegen.
In der Gesamtkomposition des Werkes spiegeln sich die Charaktere und Motive über die Epochen hinweg: Ellen, Elena und die gnostische Sophia/Helena verschmelzen zu einer archetypischen Gestalt der gefallenen Weltseele, während Mutter Zuanas spiritueller Anspruch mit den Intentionen des Malers in „Helena“ korrespondiert. Triptychon erweist sich so als ein kunstvolles Spiegelkabinett aus Fiktion, Erinnerung und Transformation, in dem die Suche nach dem göttlichen Ursprung den einzigen festen Anker bildet.